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3

juil. 2022
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Mitarbeiter verzweifelt gesucht

Neue Zürcher Zeitung NZZ, 29.06.22

Was sind die Ursachen für den ausgetrockneten Arbeitsmarkt – und was die Rezepte dagegen?

David Vonplon

Seit 2003 erhebt das Bundesamt für Statistik quartalsweise die offenen Stellen. Doch das hat es noch nie gegeben: Ende Mai lag die Zahl in der Schweiz erstmals über 100 000. Und noch bemerkenswerter: Erstmals übertraf das Stellenangebot die Zahl der Arbeitslosen. So standen 114 000 unbesetzte Stellen 98 000 Personen gegenüber, die bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren als erwerbslos registriert waren.

Wie verzweifelt die Firmen derzeit nach Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern suchen, zeigt auch eine Befragung der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) bei 4500 Betrieben. Jedes zweite Unternehmen aus der IT-Branche, dem Baugewerbe und dem Gesundheitswesen gab an, dass der Mangel an Arbeitskräften ein Problem sei. In der Gastro- und der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie-Branche war es jedes dritte.

Dass das Personal an allen Ecken und Enden fehlt, bekommen vor allem Gewerbebetriebe und KMU schmerzhaft zu spüren: Hotels und Restaurants müssen tageweise oder ganz geschlossen werden. Installateure müssen Aufträge ablehnen, Spitex-Organisationen können nur einen Teil der Dienstleistungen ausführen.

Allerdings bekunden auch grosse Konzerne bei der Rekrutierung immer grössere Mühe: Waren bei den 50 grössten Firmen im Mai rund 8600 Stellen offen, sind es nun bereits über 9300, wie eine Auswertung der Jobbörse Indeed für die Finanznachrichtenagentur AWP vergangene Woche ergab. Dabei fehlen insbesondere für Führungsfunktionen passende Bewerberinnen und Bewerber.

Nachwirkungen der Pandemie

Boris Zürcher, Leiter der Direktion für Arbeit beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), verfolgt die angespannte Situation auf dem Arbeitsmarkt genau. Er sagt: «Der Mangel an Arbeitskräften hat sich so stark akzentuiert wie seit Jahrzehnten nicht mehr.»

Als massgeblichen Treiber für die Personalnot nennt der Ökonom die Nachwirkungen der Pandemie. «Normalerweise vollzieht sich ein Aufschwung über mehrere Monate. Die gesundheitspolitischen Restriktionen zur Eindämmung der Pandemie wurden jedoch praktisch von einem Tag auf den anderen aufgehoben – und das in allen Branchen simultan.» Das habe sehr rasch zu einer Erholung der Wirtschaft geführt, so Zürcher. Weil viele Unternehmen gleichzeitig neue Arbeitskräfte einstellen wollten, habe dies eine aussergewöhnliche Knappheit auf dem Arbeitsmarkt zur Folge.

Verschärft hat die Situation, dass in den Pandemiejahren Arbeitskräfte, die in Pension gingen oder aus anderen Gründen ausschieden, nur sehr zurückhaltend ersetzt wurden. Neu Eingestellte wiederum konnten im Home-Office nicht eingearbeitet werden. «Das hat zu einem enormen Nachholeffekt geführt», sagt Zürcher. Dieser falle bei von der Pandemie stark betroffenen Branchen wie dem Gastgewerbe oder der Hotellerie besonders ausgeprägt aus – entsprechend sei dort nun auch der Personal- und Fachkräftemangel gross.

Zusätzlich befeuert wurde die Aufwärtsentwicklung der Wirtschaft durch die jahrelange expansive Geldpolitik. Die negativen Zinsen hätten stark dazu beigetragen, dass der Binnenmarkt nun heiss laufe, betont Zürcher. Davon profitiert hätten vor allem personalintensive Dienstleistungsbranchen. Diese hätten nur in begrenztem Ausmass die Möglichkeit, ihre Produktivität zu steigern, ohne zusätzliches Personal einzustellen, sonst sinke die Qualität.

In früheren Zeiten konnte die Schweiz offene Stellen jeweils problemlos durch Arbeitskräfte aus dem Ausland besetzen. Doch heute ist das schwieriger. Seit Anfang Jahr nimmt die Zahl der Zuwanderer zwar leicht zu. Doch sie liegt deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt. Hauptgrund dafür ist, dass in vielen anderen Ländern Europas die Wirtschaft ebenfalls abrupt hochgefahren wurde – auch dort herrscht gegenwärtig Vollbeschäftigung. «Wir werden den Ersatzbedarf an Personal deshalb nicht über die Zuwanderung allein decken können», sagt Zürcher.

Mit dem ausgetrockneten Arbeitsmarkt beschäftigt sich auch Simon Wey, Chefökonom beim Schweizerischen Arbeitgeberverband. Auch er betont, dass der Mangel seit der Aufhebung der Corona-Restriktionen eine neue Dimension erhalten habe: «Rekrutierungsschwierigkeiten sind heute praktisch überall und auf allen Ebenen feststellbar. Und sie betreffen nicht nur Fachkräfte, sondern je länger, je mehr auch Niedrigqualifizierte.»

Die Frauen besser einbinden

Laut Wey sind die Gründe für den Personalmangel auch branchenspezifisch. In der Corona-Krise hätten sich in der Gastro- und der Eventbranche viele Beschäftigte umorientiert und eine Stelle in einer anderen Branche angenommen. «Darunter leiden nun die Betriebe», sagt er. Dass diese Arbeitskräfte zurückkehrten, sei unwahrscheinlich: Gerade im Gastgewerbe seien die Löhne vergleichsweise tief, die Arbeitsbedingungen nicht immer gut. Überdies habe sich das Image der Branche in der Pandemie verschlechtert, so Wey.

Auch er unterstreicht, dass die Personallücke je länger, je weniger mit Arbeitskräften aus dem EU-Raum gedeckt werden könne. «Viele Zuwanderer sind in den letzten Jahren in ihre Herkunftsländer zurückgekehrt», sagt er. Diese Leute dazu zu motivieren, wieder in der Schweiz einer Beschäftigung nachzugehen, sei schwierig, solange sie auch in der Heimat attraktive Stellenangebote fänden. Wey fordert deshalb, dass die Politik eine Liberalisierung der restriktiven Zulassungskriterien für Fachkräfte von ausserhalb der EU prüft.

Priorität im Kampf gegen den Personalmangel muss laut Wey allerdings sein, das Potenzial an Arbeitskräften im Inland besser auszuschöpfen. Erreichen liesse sich dies etwa durch eine bessere Einbindung der Frauen und insbesondere der Mütter in den Arbeitsmarkt. Für sie müssten laut Wey die Erwerbsanreize erhöht werden – etwa durch eine Senkung der Elternbeiträge für Kinderbetreuungsplätze oder auch die Einführung einer Individualbesteuerung.

Gleichzeitig macht sich der Ökonom für die Einführung neuer Arbeitsmodelle für ältere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stark. «Nicht wenige ältere Arbeitskräfte haben Mühe, im Alter mitzuhalten, und bekommen Existenzängste», sagt Wey. Biete man diesen Leuten ein Teilzeitpensum mit etwas weniger Verantwortung an, so trage dies zu einem gefestigteren Arbeitsverhältnis und einer grösseren Zufriedenheit bei. Das erhöhe die Bereitschaft, über das Pensionsalter hinaus zu arbeiten.

Boris Zürcher ist skeptischer, was das ungenutzte Potenzial an Arbeitskräften im Inland betrifft. Im internationalen Vergleich sei die Beschäftigungsquote hierzulande bereits rekordhoch. Und: «Neue Zahlen sprechen dagegen, dass Fehlanreize und die mangelnde Lohngleichheit die Frauen davon abhalten, mehr zu arbeiten», so der Seco-Mann. Vielmehr zeige sich, dass auch viele Frauen, die keine Familie hätten, bloss Teilzeit arbeiteten. Es handle sich dabei um einen Wohlstandseffekt: Schliesslich könne man in vielen Berufen auch mit einem Pensum von 60 oder 80 Prozent ein gutes Einkommen erwirtschaften.

Ebenso schwierig dürfte es laut Zürcher werden, ältere Arbeitskräfte länger im Arbeitsmarkt zu halten. «Die Schweiz hat eine sehr grosszügige Altersvorsorge. Darum sehen die meisten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer keinen Grund, über das Pensionsalter hinaus weiterzuarbeiten.» In anderen Ländern sei dies anders: Dort brauchten viele Menschen in Rente ein «Jöbli», um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Während sich die geburtenstarken Babyboomer also gerade massenweise in die Pension verabschieden, bleibt den Unternehmen nichts anderes übrig, als ihre Attraktivität als Arbeitgeber zu steigern, wenn sie ihre offenen Stellen besetzen wollen. Und dabei geht es nicht nur um die Löhne. «Genauso wichtig ist, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mehr Möglichkeiten zur Teilzeitarbeit erhalten, ihre Arbeitszeiten und ihren Arbeitsort selber wählen können und es Regelungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf gibt», sagt Wey.

Auf Arbeitnehmerseite hört man solche Aussagen gerne. «Die jüngsten Entwicklungen im Arbeitsmarkt sind für die Arbeitnehmer sehr positiv», sagt Daniel Lampart, Chefökonom beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund. «Wir können mit gestärktem Rücken in die Lohnverhandlungen im Herbst steigen.» Auch für Beschäftigte, die den Beruf wechseln oder eine zusätzliche Ausbildung absolvieren möchten, sei die Chance gross, dass der Arbeitgeber sich finanziell beteilige.

Bereits habe sich der Anstellungsprozess verändert: Auch Bewerber, die nicht alle Qualifikationen für eine Stelle mitbrächten, könnten sich Chancen auf einen Job ausrechnen. «Erkennen die Firmen Potenzial in den Arbeitskräften, sind sie auch vermehrt bereit, diese Personen zu unterstützen und fortlaufend ‹on the job› auszubilden.» Zugleich stünden die Vorzeichen gut für die anstehenden Lohnverhandlungen im Herbst: In den letzten Jahren seien die Lohnerhöhungen hinter den Produktivitätsgewinnen zurückgeblieben. «Es gibt also Aufholbedarf», sagt Lampart. Wie stark die Löhne über die Teuerung hinaus aus Sicht der Gewerkschaften ansteigen müssten, könne man noch nicht sagen.

Der Staat ist nicht gefragt

Beheben lässt sich der Mangel an Arbeitskräften mit lukrativeren Arbeitsbedingungen allein indes nicht. Für eine Entspannung sorgen kann laut Boris Zürcher vor allem die Nationalbank. Sie kann mit einer weiteren Normalisierung der Geldpolitik eine Stabilisierung der Wirtschaft herbeiführen – und damit auch die Nachfrage nach Arbeit dämpfen.

Auf keinen Fall solle die Politik aktiv werden, betont Zürcher. «Die Erfahrung zeigt, dass der Staat mit seinen Interventionen am Arbeitsmarkt in der Regel zu spät kommt.» Es sei auch keine Aufgabe der öffentlichen Hand, den Unternehmen Fachkräfte zur Verfügung zu stellen. Das sei ein Markt – und dieser funktioniere hervorragend.

 


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